20.10.2017: Zur aktuellen Lage im Nordirak

Erklärung der Caritas-Flüchtlingshilfe Essen e.V. und von Serdar Yüksel, SPD-MdL (Initiatoren des „Flüchtlingsdorfes Ruhrgebiet/NRW“ in der Autonomen Region Kurdistan): Die Ereignisse in den letzten Tagen in und um die autonome Region Kurdistan im Nordirak veranlassen uns, nach intensiven Kontakten mit unseren Partnern vor Ort in der Region und intensiven Diskussionen mit unseren Partnern  hier in Deutschland zu folgender Erklärung:

1. Gerade jetzt muss unsere Hilfe für das modellhafte Flüchtlingsdorf, in dem überwiegend Jesiden wohnen, weitergehen. Darüber waren sich alle Beteiligten einig. Die Ereignisse der letzten Tage lassen darauf schließen, dass dieses Flüchtlingsdorf auch noch längere Zeit Bestand haben wird und es jetzt besondere Anstrengungen bedarf, um hier weiter zu helfen.

2. Hintergrund ist vor allen Dingen, dass neben der Einnahme von Kirkuk durch die vom Iran unterstützte mehrheitlich schiitische Milizenkoalition Haschd Al-Schaabi am Dienstag diese auch in weitere kurdische Siedlungsgebiete im Nordirak eingerückt ist. Die kurdischen Peschmerga zogen sich weitgehend kampflos aus den mindestens seit 2014 unter ihrer Kontrolle stehenden, aber außerhalb der kurdischen Autonomieregion im Irak gelegenen »umstrittenen Gebieten«, zurück. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen verließen die kurdischen Peschmerga-Kämpfer auch den jesidischen Ort Sindschar. Augenzeugen berichteten, dass zahlreiche jesidische Familien aus Angst vor den anrückenden regierungstreuen Milizen aus der Stadt in Richtung des kurdischen Autonomiegebiets geflohen sind. Die Peschmerga hatten die Sindschar-Region Ende 2015 aus der Gewalt des IS befreit. Der Iran wies zugleich Meldungen zurück, in dem Konflikt seien auch iranische Truppen involviert. «Bei den Militäroperationen spielen iranische Truppen und Revolutionsgarden keine Rolle», sagte Ali-Akbar Welajati, der außenpolitische Berater des obersten Führers, Ajatollah Ali Chamenei. Die schiitischen Milizen, die als Verbündete der Armee gegen die Kurden vorgerückt sind, gelten als Teherans verlängerter Arm im Irak. Unsere Partner vor Ort bestätigen aber genau dies, und dies hat auch zu einer neuen Massenflucht der Jesiden in die autonome Region Kurdistan geführt. Die schon geplanten Aufbaumaßnahmen werden auf unbestimmte Zeit verschoben.

3. Diese Tatsache bedeutet, dass die geflüchteten Menschen so schnell nicht zurückkehren können. Unser Flüchtlingsdorf unterscheidet sich von vielen anderen Camps durch seine Containerbauweise und durch viele Einrichtungen für die knapp 10.000 Menschen, die es anderswo in der Form nicht gibt. Deshalb werden wir uns bemühen, diese Einrichtungen nicht nur zu erhalten, sondern weitere hinzuzufügen und auch die Versorgung der Menschen mit zu gewährleisten.

4. Besondere Aufmerksamkeit werden wir auf den Ausbau der psychosozialen Betreuung von Frauen und Kindern richten, die es schon jetzt im kleineren Umfang gibt. Hinzu kommt der weitere Ausbau von Beschäftigungsmöglichkeiten, Schulen, Sanitätsstationen, Jugendzentren und Begegnungsmöglichkeiten.

5. Ein weiterer Vormarsch der irakischen Armee und der vom Iran unterstützten Milizen wird die gesamte, seit Jahren relativ beständige Kurdenregion des Iraks destabilisieren und zu einer großen Fluchtbewegung führen. Mindestens zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien sowie vertriebene Jesiden und Christen aus dem nordirakischen Sindschar und der Ninive-Ebene haben in der Region Kurdistan Zuflucht gefunden. Wenn sie erneut vor blutigen Auseinandersetzungen flüchten müssen, werden viele keine Zukunft mehr in der Region sehen und sich auf den Weg nach Europa machen. Das Vorrücken der schiitischen Milizen in die Region Kurdistan könnte viele dort lebende Kurden, Jesiden und Christen verunsichern, die bei den Angriffen des IS im Sommer 2014 Schlimmstes erleben mussten und traumatisiert sind.

6. Deshalb rufen wir dringend zu weiteren Spenden auf, um hier schnell und effektiv in dieser besonderen Situation helfen zu können.

Spendenkonto
Bank im Bistum Essen
DE45 3606 0295 0000 1026 28
Stichwort: Flüchtlingsdorf NRW
(Wer eine Spendenbescheinigung benötigt, gibt bitte seinen Namen und Anschrift im Betreff-Feld an)

20. Oktober 2017